Mentale Fähigkeiten und psychologisch orientiertes Training


 

Ähnlich wie im Taktiktraining wird im psychologisch orientierten Training der Bearbeitungsumfang und die inhaltliche Differenzierung auf die Belange der Adressatengruppen diese Lehrplans angepasst, und für ausführlichere Informationen auf die angegebenen Lektürehinweise und weitere in der Bearbeitung befindliche e-learning-Module verwiesen. Die folgenden Ausführungen orientieren sich stark an dem praktischen Handbuch zum mentalen Training im Tennis von H. Gabler und P. Maier (1998)

Vorbemerkungen und Begriffsbestimmungen


Es wurde bereits dargelegt, dass Tennis durch die besondere Zählweise und den permanenten „Duellcharakter“ immer wieder neu Spannung erzeugt, und damit natürlich auch inneren Druck. So wird gelegentlich in das äußere und innere Spiel unterschieden. Diese Spannung kann – insbesondere für Zuschauer – als sehr interessant und faszinierend erlebt werden, bei weniger „wettkampfharten Spielern“ aber sehr unangenehme bis hoch belastende psychische Reaktionen auslösen. Folglich sind psychische oder oftmals auch als mentale Leistungsvoraussetzungen bezeichnete Fähigkeiten gerade für Tennis hoch bedeutsame Leistungsfaktoren, die mit zunehmendem Leistungs- und Wettkampfniveau immer stärkeren Einfluss auf das Spielergebnis nehmen. Angesichts der hohen Bedeutung für die Spielleistung und der bereits bei Wettkampfanfängern erkennbaren Auswirkungen, soll dieser Aspekt der Leistungs- und Trainingsentwicklung auch in diesem vorrangig auf die Methodik der Tennisvermittlung im Anfänger- und Fortgeschrittenenbereich ausgerichteten Lehrplan behandelt werden.

Die Zählweise im Tennis sorgt für einen permanenten „Duellcharakter“

    Psychische Phänomene


    Allerdings werden die bedeutsamen psychischen Phänomene sehr tennisnah und allgemein verständlich dargestellt, und nur die Interventions- und Trainingsmaßnahmen behandelt, die von Trainern ohne psychologische Ausbildung problemlos angewendet werden können. Welches sind denn nun die allen Spielern und Trainern bekannten psychischen Phänomene, auf die bereits im Anfängertraining hingewirkt werden kann?

    Fast allen Wettkampfsportlern sind unangenehme Empfindungen in der Vorstartphase bekannt, die von leichter Nervosität bis zu fast unerträglichen Spannungszuständen reichen können. Bekannt ist auch, dass es Spieler gibt, die unter Druck „ihr bestes Tennis spielen“ und solche, die dann nervös werden und zu leichten und häufigen Fehlern neigen.

    Unangenehme Empfindungen in der Vorstartphase:

    • von leichter Nervosität bis zu fast unerträglichen Spannungszuständen

    Unterschiedliche Reaktionen der Spieler:

    • einige spielen unter Druck „ihr bestes Tennis“
    • andere neigen zu leichten und häufigen Fehlern

     

    Unterschiedliche Kategorien im Umgang mit psychischem Druck

    Die Psychologie hat diesbezüglich Modelle entwickelt, die Menschen in zwei Kategorien (mit Zwischenstufen) einteilen, diejenigen, die ihr Handeln in der „Hoffnung auf Erfolg“ ausrichten, und diejenigen, die eher von „Furcht vor Misserfolg“ geprägt werden.

    Zur Erläuterung ein Tennisbeispiel: Beim Spielstand von 4 : 5, 30-40 wurde der erste Aufschlag verschlagen, und vor dem zweiten Aufschlag würden jetzt Erfolgsorientierte sich vorstellen, wie sie mit Vorwärtsdrall den Ball so schlagen, dass er hoch genug übers Netz fliegt, sicher im Aufschlagfeld landet und hoch abspringt, damit der Gegner nicht angreifen kann. Dominiert die Furcht vor Misserfolg, wird unweigerlich an den Doppelfehler gedacht und dieser fast schon vorprogrammiert.

     

    Bei äußeren Störeinflüssen, wie Wind, Platzunebenheiten, Zuschauerverhalten, etc. kann ebenfalls beobachtet werden, dass diese sehr unterschiedlich verarbeitet werden. So gibt es sehr störresistente und sehr störanfällige Spieler. Gleiches gilt für die Selbstbeherrschung bei Frustrationserlebnissen, wo Schlägerwerfen, Selbst- und Gegnerbeschimpfungen als extrem negative Ausdrucksformen doch recht häufig zu beobachten sind.

    Zusammengefasst und sehr grob kann man diese Erscheinungsformen mit Angst, Negativ-Stress, mangelndem Selbstvertrauen, Konzentrationsmangel und Verlust der Selbstkontrolle erklären. Trainer sollten bei den beschriebenen Phänomenen und Erscheinungsformen sehr früh bereits mit pädagogischen und methodischen Maßnahmen versuchen, positiv regulierenden Einfluss zu nehmen. Damit ist die Nähe angesprochen zwischen pädagogischen und psychologischen Trainingszielen und –maßnahmen. Auch fällt die Zusammenfassung von mentalen und sozialen Fähigkeiten in dem entsprechend gekennzeichneten Trainings-Baukasten in diesen übergeordneten Erziehungs- und Bildungszusammenhang. So ist der Begriff des „sozialen Trainings“ (noch) nicht geläufig in der Trainingstheorie, und die Verwendung des Begriffes „Psychologisches Training“ eher nicht anzuraten. Bei ernsteren psychischen Problemen und der Erfordernis spezieller psychoregulativer Maßnahmen sollte immer die Hilfe ausgewiesener Fachleute und Therapeuten eingeholt werden.

    In dieser Konsequenz wird der Argumentation von Gabler/Maier gefolgt und für diese Abhandlung nicht von psychologischem oder mentalem Training, sondern von „ psychologisch orientiertem Training“ gesprochen, und die Trainingsformen immer an die traditionellen Trainingsarten des Tennistrainings angebunden, was in dem folgenden Schaubild verdeutlicht wird. (nach H. Gabler / P. Maier, 1998. S. 13)

Psychologisch orientiertes Konditionstraining

Beharrlichkeit, Durchsetzungsvermögen und Kampfgeist sind Fähigkeiten, die Tennisspieler auszeichnen und eine gewisse Nähe zu konditionellen Fähigkeiten bereits sprachlich andeuten. Zugrunde gelegt sind volitive Anforderungen der Bewegungsregulation, die hohen Einsatz, das Erdulden und Überwinden von Mangel- und Unlustgefühlen und die Bereitschaft zur Konzentration aller Kräfte und Reserven auf das gesetzte Ziel im Training und Wettkampf ansteuern. Diese Willensqualitäten sind verstärkt im Konditionstraining anzusprechen, aber auch im Taktiktraining, wie später noch ausgeführt wird.

Eine der goldenen Regeln in der Traineransprache besagt, dass man durchaus verlieren darf und dennoch zufrieden den Platz verlassen kann, wenn man sich selbst bestätigen kann, dass man alles gegeben hat und bis zum letzten Punkt gekämpft hat. Wo sollte man diese Eigenschaften besser trainieren können, als im tennisnahen Konditionstraining bei besonderer Berücksichtigung der psychischen Komponenten.

Beharrlichkeit kann (und soll) sich darin ausdrücken, dass bei längeren Ballwechseln und zunehmender Ermüdung die Fehlervermeidung im Vordergrund steht und jeder erreichbare Ball auch mit höchstmöglichem Einsatz zurückgespielt wird. Diesem Anspruch wird bereits im Anfängertraining dadurch Rechnung getragen, dass die ersten Punkte von den Paaren gemeinsam erzielt werden, wenn möglichst viele Ballwechsel zustande kommen. Auch mit zunehmendem Können bleibt der Grundsatz erhalten, dass nur aus einer sicheren Defensive heraus ein erfolgreiches Angriffsspiel gestartet werden kann, was auch bedeuten kann, dass unter starkem gegnerischen Druck längere Zeit verteidigt werden muss, und der Versuchung auf einen spektakulären Befreiungsschlag widerstanden werden sollte.

Beharrlichkeit kann sich auch in der konsequenten Einhaltung und Umsetzung strategischer Vorgaben äußern, und damit wieder die Verknüpfung mit taktischen und psychischen Aspekten verdeutlichen. Auch hierzu ein Beispiel: Wenn das strategische Konzept darin besteht, das erwartete gegnerische Angriffsspiel durch sicheres Topspinspiel auf Vorhand und Rückhand zu erschweren, und geduldig auf gegnerische Fehler zu warten, dann muss hierzu auch die konditionelle Basis an Kraftausdauer geschaffen werden, und die Willenskraft und Durchsetzungsfähigkeit trotz zunehmender Ermüdung- und Unlusterscheinungen vorhanden sein.

Durchsetzungsfähigkeit setzt neben dem Willen zur Ausschöpfung aller Kräfte und Reserven trotz Mangel- und Unlusterscheinungen auch das Vertrauen in die eigenen Gestaltungsfähigkeiten und die Entschlossenheit zum positiven Abschluss des Ballwechsels voraus, unabhängig davon, wie lange dieser dauert. Damit wird eine weitere bedeutsame psychische Qualität angesprochen, die Geduld. Geduld und Entschlossenheit sind nur scheinbar Gegensätze. Es kann und muss oftmals sehr lange geduldig „neutrale Bälle“ gespielt werden, bis eine günstige Situation zu entschlossenem Umschalten auf eine Angriffsaktion herausfordert. Diese Herausforderung muss dann allerdings auch ohne Zaudern entschlossen und mit Selbstvertrauen angenommen werden. Wenn Spieler beharrlich und geduldig ihr Spiel der Situation und der vorgegebenen Strategie entsprechend gestalten, und trotz aller Emotionen und Störeinflüsse hartnäckig bis zum bestmöglichen Ergebnis durchhalten, dann kann von großem Kampfgeist gesprochen werden, als der Fähigkeit, die letztlich alle wirklich guten Spieler auszeichnet, und die von Anfang an ein wichtiges Ziel der Tennisausbildung sein soll, wenn besondere Wettkampffähigkeit angesteuert wird.

Trainingsmethodik des psychologisch orientierten Konditionstraining

Die sehr knappe und vereinfachend dargestellte Analyse der vorrangig volitiven Leistungsfaktoren hat bereits eine gewisse Nähe dieser psychischen Qualitäten zum konditionellen Ausdauerbereich angedeutet. Ohne dem spezifischen Beitrag zum Konditionstraining vorzugreifen, kann an dieser Stelle schon einmal darauf hingewiesen werden, dass Ausdauer immer auch einen hohen psychischen Einflussfaktor hat, da Ermüdungserscheinungen stets mit größeren emotionalen, koordinativen und auch kognitiven Auswirkungen verbunden sind.

Dies bedeutet zwangsläufig, dass im Training genau dieser Zusammenhang hergestellt werden muss. Trainingsaufgaben sind mit hoher Sicherheit und Konstanz bei zunehmender Ermüdung und psychischem Druck zu absolvieren. Hierzu einige praktische Beispiele zur Verdeutlichung.

Beispiel 1: Ein Spieler deckt das ganze Feld ab, darf aber selbst nur einen vorgegebenen Feldbereich anspielen (auf der Rückhand- oder Vorhandseite). Der Partner deckt die um einen Meter vergrößerte Feldhälfte ab, darf aber nur Vorhand oder Rückhand spielen. Jeder unerzwungene Fehler zählt doppelt. Wenn ein Fehler eintritt, spielt der Trainer den nächsten Ball sofort wieder ein und steuert über sein Einspiel die Ermüdungsbelastung.

Beispiel 2: Zwei Spieler spielen Punkte aus, müssen aber vorher eine vorgegebene Zahl neutraler Bälle spielen. Fehler in dieser Eingangsphase zählen doppelt.

Beispiel 3: Elf Punkte werden ohne Pause ausgespielt, der Punktgewinner startet den nächsten Punkt mit minus 15.

Beispiel 4: Zwei Spieler werden durch längere anstrengende Ballwechsel vorermüdet und sollen dann wechselseitige Aufschläge und Returns mit der Spielstärke angemessenen Präzisionsaufgaben durchführen.

Die aufgeführten Aufgabenbeispiele sollten die Funktionsprinzipien des psychologisch orientierten Konditionstrainings verdeutlichen, ohne einen Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben. Insbesondere wurden die Bezüge zum Kraft- und Schnelligkeitstraining vernachlässigt, da hierzu auf dem Anfänger- und Fortgeschrittenenniveau meist noch nicht die erforderlichen Voraussetzungen gegeben sind. Zahlreiche weitere trainingspraktische Beispiele finden Sie jeweils zielgruppengemäß im Baukasten „Mentale und soziale Fähigkeiten“.

Psychologisch orientiertes Techniktraining

Während das Wollen und Durchhalten die psychischen Vorgänge und Zustände beim konditionell orientierten Training bestimmten, ist das Techniktraining, wie bereits im zugeordneten Kapitel ausgeführt, mehr dem Wahrnehmen, Antizipieren und Vorstellen als psychischen Prozessen nahestehend. Die Aufgabe im Techniktraining besteht darin, optimale Bewegungsfertigkeiten für die Lösung von Spielaufgaben zu entwickeln und diese jeweils an die situativen Bedingungen des Spiels anzupassen. Dabei besteht die Hauptschwierigkeit darin (wie bereits im Kapitel „Koordinationstraining“ ausgeführt), die eigene Bewegung dem räumlich zeitlichen Flugverhalten des Balles anzupassen. Da hierzu nur wenig Zeit verfügbar ist und auch sonstige Druckbedingungen die Aufgabe erschweren, sind gute Wahrnehmungs-, Antizipations- und Konzentrationsleistungen angesagt, und damit ist ein Bereich angesprochen, der sowohl in der sportwissenschaftlichen Literatur als auch in der Fachsprache der Sportart meist mit dem Begriff „Mentales Training“ bezeichnet wird.

Zum Planen von Bewegungsfertigkeiten (bspw. Schlagtechniken) muss ein Bewegungsentwurf erstellt werden, der aus Beobachtungs-, Vorstellungs- und Erklärungsansätzen besteht und in der ständigen Auseinandersetzung mit der Spielrealität erweitert und verfeinert wird.

Für unsere Spieler bedeutet dies gerade in den ersten Lernphasen, dass sie sehr genau beobachten (observatives Training), und von den Trainern zur Beobachtung angeleitet werden. Beobachtungsanleitung bedeutet, dass Beobachtungsschwerpunkte benannt und eine Beobachtungsstrategie entwickelt wird, damit die wesentlichen, technikrelevanten Knotenpunkte und Verlaufskriterien wahrgenommen werden. Die intensive und strukturierte Beobachtung von Technikvorbildern kann ergänzt werden durch bildliche Vorlagen in Form von Bildreihen und Videos.

Das eigentliche Mentale Training geht über das reine Beobachten hinaus und bedeutet ein intensives gedankliches Beschäftigen mit einer Bewegungsleistung. Dazu ist es erforderlich oder zumindest sehr hilfreich, dass die Bewegung beschrieben und in ihrer Funktion für die angestrebte Leistung erklärt werden kann, was im Extremfall zu einem „Mit sich selbst sprechen“ führen kann, dem sogenannten „subvokalen Training“. Die Sportler werden also angeleitet und ermutigt, andere und sich selbst sehr genau zu beobachten, die zu lernende Bewegung sprachlich zu beschreiben und zu strukturieren, und sich die eigene Ausführung nicht nur detailliert vorzustellen (ideomotorisches Training), sondern auch vorzusprechen. Letztlich kann aber nur in der planmäßigen Verbindung von aktivem Training und Mentalem Training der bestmögliche Erfolg erzielt werden.

Nun kommt beim Tennis, wie bereits mehrfach erläutert, neben der Form der Bewegungsausführung der Anpassung an den Ballflug die entscheidende Bedeutung zu, und folglich sind Antizipationsleistungen gefordert. Die Lernenden müssen nicht nur Techniken entwickeln, sondern auf der Grundlage von Wahrnehmungs- und Berechnungsleistungen den räumlichen und zeitlichen Verlauf der Ballflugkurven vorwegnehmen und in ihre Handlungsplanung einbeziehen. Erfolgt dies unter großem Zeitdruck (wie bspw. beim Return), sind auch Vorwegnahmen des Ballflugs auf der Grundlage von Erfahrungswissen und Beobachtungen der gegnerischen Schlageinleitung hilfreich. Vergleiche hierzu auch die entsprechenden Ausführungen in den Kapiteln Techniktraining und Koordinationstraining.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass psychologisch orientiertes Techniktraining sich mit den Wahrnehmungs-, Denk-, und Vorstellungsprozessen in der Bewegungssteuerung beschäftigt und diese unterstützt. Dazu müssen sich die Lernenden sehr intensiv auf die jeweiligen Aufgaben konzentrieren und alle Störeinflüsse ausblenden. Wie bereits beim psychologisch orientierten Konditionstraining erhalten auch hier die trainingspraktischen Maßnahmen in der besonderen Akzentuierung und Verknüpfung ihre spezifische Ausrichtung und Wirkung.

Trainingsmethodik des psychologisch orientierten Techniktraining

Mit der Aufgabenbeschreibung des Mentalen Trainings wurden auch bereits Hinweise zur methodischen Gestaltung gegeben (Anleitung zur Bewegungsbeobachtung und –vorstellung; Strukturierungshilfen und –vorgaben für die Bewegungsbeschreibung und –erklärung, sowie Anregungen zur gedanklichen Auseinandersetzung. Auch diese Aufgaben moderner Tennistrainer verweisen auf den Bildungsauftrag für die Erziehung zu mündigen und selbstverantwortlichen, sportlich handelnden Menschen. Wie kann nun dieser Bildungs- und Erziehungsauftrag trainingspraktisch umgesetzt werden? Die Trainer sollten neben der sprachlichen Instruktion vermehrt mit bildlichen Vorlagen arbeiten und diese sprachlich erläutern und strukturieren. Zudem sollten die Lernenden immer wieder ermutigt und angeleitet werden, sich selbst wahrzunehmen und bei der Bewegungsausführung vorzustellen.

Dabei können auch sprachliche Bilder (Metaphern) sehr wichtige Funktionen übernehmen, wie das folgende Beispiel aufzeigen soll: Das exzentrische Treffen des Balles beim Topspin kann weder gut beobachtet noch sprachlich verständlich beschrieben werden, da es sich um derart schnelle und kleinräumige Abläufe handelt, dass die Wahrnehmungsfähigkeit der Lernenden überfordert wird. Sprachliche Bilder, wie „den Ball bürsten“ oder „über den Ball gehen“ können jedoch die Vorstellung leichter erreichen..

Angesichts der herausragenden Bedeutung von Timing und Positionierung beim Tennis ist neben den beschriebenen Formen des Mentalen Trainings das Antizipationstraining besonders gefragt. Dazu gibt es unterschiedliche Strategien. Beim Wahrnehmungstraining sollen die Sportler möglichst schnell Richtung und Länge des Ballflugs angeben, oder sie sollen aus der Beobachtung der gegnerischen Positionierung und Ausholbewegung bereits Hinweise zur Schlaggestaltung (Richtung, Drall, Geschwindigkeit) ableiten. Beim progressiven Berechnen des Treffpunkts (der Auftreffpunkte) soll bei der klassischen „Hip – Hop – Übung“ (siehe Praxisteil) zeitgleich mit dem Auftreffen des Balles am Boden „Hip“ gerufen werden, und beim Auftreffen auf dem Schläger „Hop“.

Bei Konzentrationsübungen im Techniktraining soll das Fokussieren auf den Treffpunkt (Blickfixation des Balles über den Treffzeitpunkt hinaus) mit dem peripheren Wahrnehmen der spielrelevanten Umgebung kombiniert werden, indem beispielsweise gleichzeitig die Ballrotation genau beobachtet und eingeschätzt wird, und zusätzlich Zeichen des Trainers erkannt und gemeldet werden. Im Konzentrationstraining können weiterhin erschwerende Bedingungen eingebaut werden, wie Sichtbehinderungen oder störende Ereignisse. Zu beachten bleibt indes, dass psychologisch orientiertes Techniktraining dem Lernstand anzupassen ist und entsprechende trainingsmethodische Interventionen nur soweit eingesetzt werden dürfen, dass keine Überforderungen den Lernprozess stören oder gar verzögern. Hier ist die kompetente Wahrnehmung und Urteilsfähigkeit der Trainer gefordert.

Psychologisch orientiertes Taktiktraining

Bereits im Kapitel Taktiktraining wurde von Entscheidungstraining gesprochen und damit die Bedeutung der gedanklichen oder kognitiven Prozesse bei der Steuerung von Spielhandlungen herausgestellt, und deshalb soll dieser Aspekt auch hier nicht nochmals bearbeitet werden. Im Abschnitt „psychologisch orientiertes Konditionstraining“ wurde auf die volitiven psychischen Anforderungen eingegangen und darauf verwiesen, dass dieser Aspekt im Hinblick auf Entschlossenheit und Risikoverhalten auch beim psychologisch orientierten Taktiktraining von Bedeutung ist. Dieser Aspekt der Risikosteuerung, der von Anfang an ein hoch bedeutsamer Faktor der Spielfähigkeit ist, soll hier detaillierter betrachtet werden. Unangemessene Risikosteuerung darf zu den häufigsten Fehlerquellen auch und gerade im Anfängertennis gerechnet werden. Risikosteuerung besteht genau genommen im Zugeben und Abnehmen von Sicherheitsmargen. Hierzu einige Beispiele. In Abhängigkeit von der Schlagsicherheit bezüglich Längen- und Winkelsteuerung sind Zielorientierung in unterschiedlicher Entfernung von den Linien und der Netzkante zu wählen. Gerade Anfänger und „wenig spielintelligente Fortgeschrittene“ zielen gerne an die Linien und freuen sich recht unkritisch über Linienbälle, statt die Zufälligkeit ihres Erfolgs zu begreifen. Gleiches gilt für das Verhältnis von Assen und Doppelfehlern, das selten registriert und noch seltener zu Verhaltenskorrekturen veranlasst. Risiko wagen ist die eine, meist zu sehr herausgestellte Qualität, Risiko abwägen und situationsgemäß abstufen ist die wesentlich bedeutsamere Qualität, sowohl aus taktischer wie aus psychologischer Sichtweise. Zur Verdeutlichung das erwähnte Beispiel der Asse und Doppelfehler. Das Problem beim Aufschlag ist, dass es zwar zwei Versuche gibt, aber erster und zweiter Aufschlag zwei unterschiedliche Techniken erfordert, einen geraden und sehr schnellen Schlag und einen stärker gekrümmten Schlag mit vermehrter Rotation. Wenn insbesondere unter Ergebnisdruck das Umschalten vom ersten auf den zweiten Aufschlag stark fehlerbehaftet ist, und die Quote zudem sehr mäßig ist, könnte es wesentlich sinnvoller sein, in bestimmten Situationen auf den ersten (geraden) Aufschlag zu verzichten, um zwei zweite Aufschläge zur Verfügung zu haben. Umgekehrt soll in Vorteilssituationen auch Risiko entschlossen gewagt werden, um die Drucksituation des Gegenspielers zu nutzen.

Trainingsmethodik des psychologisch orientierten Taktiktrainings

Ähnlich wie beim „normalen Taktiktraining“, gilt auch bei stärkerer Betonung der psychischen Komponenten die grundsätzliche Forderung nach Situationsmodellierung und ständiger Rückmeldung zur Sinnhaftigkeit und Erfolgswahrscheinlichkeit der gewählten Aufgabenlösungen, mit der Zielsetzung, die Risikobeurteilung und das Risikoverhalten ständig zu verbessern. Bereits Anfänger sollten rückgefragt werden, warum sie ihrer Meinung nach den Punkt verloren haben; ob ein Technikfehler, mangelnde Positionierung zum Ball, Timingprobleme oder ungünstiges Entscheidungsverhalten den Fehler provozierten. Ungünstiges Entscheidungsverhalten kann sich ebenso in zaghaften und ängstlich vorgetragenen Angriffsaktionen äußern wie in überstürzten und hochriskanten Absichten, unter starkem Zeitdruck und Ergebnisdruck direkte Punkte anzusteuern. Psychologisch orientiertes Taktiktraining muss folglich schwierige Situationen produzieren, zur Reflexion über das Entscheidungsverhalten anregen und anleiten, und zu einer ständigen und direkten Auswertung der Spielhandlungen führen.

Zur Verdeutlichung auch hierzu ein Beispiel: Anfänger reagieren meist auf schnellere Bälle mit Erhöhung der eigenen Schlagintensität und übersehen dabei, dass damit die Anforderungen an die Ballkontrolle überproportional stark ansteigen und folglich das Fehlerrisiko potenziert wird. Sie übersehen auch dabei, dass ein gelungener Schlag das Bewusstsein derart dominiert, dass die verheerende Quote zugunsten der Misserfolge nicht zur Kenntnis genommen wird. Ähnlich verhält es sich, wenn auch mit umgekehrten Ausprägungen bei misslungenen Richtungs- und Intensitätsänderungen, wenn auf einen zu kurzen Crossball des Gegners ein zaghafter oder zu extrem beschleunigter Longline – Winner versucht wird, und bei Misslingen ein neuer verbesserter Versuch erst gar nicht mehr in Erwägung gezogen wird.

Zusammengefasst kann festgestellt werden, dass beim psychologisch orientierten Taktiktraining die Aufgabe von Trainern darin besteht, Entscheidungs- und Risikoverhalten der Schüler zu provozieren, für eine interne wie externe Ergebnisrückmeldung zu sorgen und zu einem emotional kontrollierten und intelligent regulierten Lösungsverhalten anzuleiten. Dabei sollte die Verbesserung der eigenverantwortlichen Analyse und Konsequenzableitung der Schüler das eigentliche Trainingsziel sein.

Psychologisch orientiertes Wettkampftraining

Vom Taktiktraining zum Wettkampftraining ist es auch unter psychologischer Betrachtungsweise nur ein kleiner Schritt, denn sobald das Ausspielen des Punktes freigegeben wird, und die Übenden in der vorgegebenen Situation unter mehreren Lösungsalternativen auswählen können, handelt es sich um eine Wettkampfsituation. Allerdings kann jetzt die Aufmerksamkeit neben dem Entscheidungs- und Risikoverhalten vermehrt auf motivationale und emotionale Faktoren gelenkt werden, indem Störresistenz, Konzentration und Wettkampfbegeisterung ins Zentrum der methodischen Bemühungen rücken. Unterschieden wird meist in Ballwechseltraining (einzelne Ballwechsel mit Punktvergabe, matchähnliches Training (mit spezieller Zählweise und einschränkenden Vorgaben) und in das eigentliche Matchtraining (völlig freie Gestaltung, aber mit kritischer Auswertung). Bei vorgegebenen Ballwechseln kann sehr speziell auf besonders auffällige Problemmerkmale eingegangen werden. Beispielsweise kann einem zu risikofreudigen Spieler nur ein Aufschlag zugestanden werden und das Ergebnis im Verhältnis zur Normalsituation (zwei Aufschläge) von ihm ausgewertet werden soll.

Matchähnliches Training kann bestimmte strategische Verhaltensweisen thematisieren und die Schüler zur Auseinandersetzung mit strategischen Varianten veranlassen. Beim freien Matchtraining sollte ein Abgleich der Trainerauswertung mit der detailliert abgefragten Auswertung der beiden Matchpartner vorgenommen werden, und dabei Beobachtungs- und Bewertungskategorien ständig weiterentwickelt werden.

Ein besonderer Aspekt des Matchtrainings aus psychologischer Sicht ist im Verhalten zwischen den Ballwechseln zu beachten. Hier kommt es darauf an, das vorangegangene Ergebnis gut und schnell zu verarbeiten, einen guten Aktivierungszustand vor der Spieleröffnung zu erreichen, und sich strategisch und motivational auf die neue Situation vorzubereiten.

Abschließend soll nochmals betont werden, dass psychische Faktoren für die Leistungsentwicklung und das Leistungsergebnis gerade im Tennis eine hohe Bedeutung besitzen, und dass entsprechende Trainingsmaßnahmen in Kombination mit den üblichen Trainingsarten von Beginn an fester Bestandteil der Trainingsplanung und –durchführung in allen Altersstufen und für alle Zielgruppen sein sollten. Bei tiefgreifenderen Problemen oder gar Störungen sollten jedoch unbedingt ausgebildete und kompetente Psychologen zu Rate gezogen werden.

Wettkampf durch Ausspielen von Punkten:

Ziele:

  • Entscheidungs- und Risikoverhalten trainieren
  • Umgang mit Motivation und Emotionen verbessern

Anwenden durch:

  • Ballwechseltraining
  • Matchähnliches Training
  • Matchtraining